Shelly Kupferberg
- Altersempfehlung: ab 16 Jahren
- ISBN: 978-3257073485
- Erscheinungstermin: 25.03.2026
- Seiten: 172
- Verlag: Diogenes
Covertext
Rezension
Ein altes Mietshaus in Berlin-Schöneberg und alte, oft auf wahren Tatsachen beruhende Geschichten aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts veranlassten Autorin Shelly Kupferberg zu ihrem Roman Stunden wie Tage. Sie beschreibt die Lebensgeschichte von Martha, die auch im hohen Alter noch dieses Haus bewohnt, durch den Kiez streift und um die sich viele Erzählungen ranken. Sie soll angeblich Millionärin sein und ihr Reichtum auf Beziehungen zu den Nazis beruhen. Doch war es tatsächlich so?
Ihre etwas eigene, jedoch stringente Art bringt der jungen Martha weit vor dem Zweiten Weltkrieg eine Stelle als Hausbesorgerin in dem Haus ein, welchem sie sich lebenslang verbunden fühlt. Sie kümmert sich fortan um alle Belange der Mieter und baut auch eine Beziehung zu den Hausbesitzern Berkowitz auf, einem jüdischen Geschäftsmann mit Familie. Mit dem Erstarken der Nationalsozialisten werden die Lebensumstände für alle anders, aber für Herrn Berkowitz wird die Lage lebensbedrohlich. Gelingt eine rechtzeitige Flucht?
Seine Adoptivtochter Liane, die für Martha wie eine Tochter und nicht jüdischen Glaubens ist, schließt sich dem Widerstand an. Trotz des tobenden Krieges erlebt Liane ihre erste Liebe und Martha unterstützt sie stets. Immer schlimmer ziehen der Krieg und die Schikanen der Nazis ihre Kreise, sodass Martha Entscheidungen treffen, Emotionen und Verluste verarbeiten sowie im Nachhinein Dinge akzeptieren muss. Dieser Roman umfasst ein ganzes, langes Leben mit all seinen Dramen und Höhenflügen, die nachdenklich, betroffen, einsichtig und ein Stück weit auch demütig machen.
Shelly Kupferberg beschreibt in 56 Kapiteln sehr unterschiedlicher Länge nicht nur das Leben der Protagonistin Martha, sondern in wechselnder Intensität auch das ihrer Mitmenschen. Gleichzeitig ist der Roman ein Zeugnis der Zeit, in der er hauptsächlich spielt (vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg). Dabei geht Kupferberg nicht immer chronologisch vor, sondern bedient sich vor allem im zweiten Teil des Buches auch Rückblenden. Dadurch werden einige Ereignisse der Handlung deutlicher und nachvollziehbarer.
Die Kapitel erzählen nicht durchweg die Handlung, sondern sind mitunter kleine Geschichten von Begebenheiten mit größerem Zeitabstand, die zum Verständnis des großen Ganzen beitragen oder einzelne Details bzw. Geschehnisse beschreiben, durch welche die Leserschaft einen intensiven Eindruck von den Emotionen und Beziehungen einzelner Personen bekommt.
Der Schreibstil Kupferbergs sowie ihre Art, die Handlung aus den einzelnen Geschichten der Kapitel zusammenzusetzen, haben mir sehr gefallen. Die Profilierung der Hauptcharaktere ist gelungen und ihre Gefühle, Stimmungen sowie Beweggründe sind gut nachvollziehbar. Der Roman wartet mit einer sich stetig steigernden Spannung und einigen unerwarteten Wendungen auf, wodurch er sich rasch lesen ließ.
Es ist nicht unbedingt ein außergewöhnliches, aber dennoch interessantes, unterhaltendes und auch wichtiges Buch, welches einmal mehr verdeutlicht, welche Höhen und Tiefen in der Biografie jedes Einzelnen stecken und wie schwer die Last von Entscheidungen wiegen kann. Ich empfehle das Buch allen interessierten Lesenden ab ca. 16 Jahren.

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