Ein tyrannischer König beherrscht das Land. Alle müssen sich vor
ihm niederwerfen, wenn er vorbeikommt. Doch ein Mann wagt es, sich den
Befehlen des Königs zu widersetzen. Er will dem Gesang des Vogels
lauschen. Der Mann wird verhaftet, ihm wird erst das Augenlicht und dann
das Gehör genommen. Aber der Mann bleibt aufrecht. Der Gedanke an den
Vogel lässt ihn die Hoffnung nicht verlieren. Dieses Bilderbuch
verbindet die fantastische Märchenwelt mit der heutigen Realität. Es
lädt große und kleine Menschen dazu ein, über so wichtige Themen wie
Autorität, Gerechtigkeit und Widerstand zu sprechen und das Phänomen von
Menschenrechtsverletzungen weltweit besser zu verstehen.
Rezension
Das Buch „Der Klang der Freiheit“ mit dem Text von Christian Merveille und den Illustrationen von Valeria Docampo ist für mich keinesfalls nur ein simples Kinderbuch. Es mag zwar einige Elemente eines Märchens beinhalten und ist wohl auch als solches zu verstehen, besticht jedoch durch eine brisante, aktuelle Thematik sowie einen sehr hohen künstlerischen Wert, sodass es Leserinnen und Leser aller Altersklassen anspricht.
Merveille erzählt die Geschichte eines Mannes, der in einem streng regierten Königreich mit drakonischen Regeln lebt. Als der König die Stadt besucht, sollen sich alle Einwohner niederwerfen. Der Protagonist, der anmutig und sanft wirkt, tut dies nicht. Stattdessen lauscht er mit erhobenem Haupt dem Gesang eines Vogels. Sein Handeln hat brutale Folgen: Er wird eingesperrt, und auch die Vögel werden gefangen. Als die Wachen jedoch bemerken, dass der Mann aus dem Gesang eines noch freien Vogels immer wieder Hoffnung schöpft und sich nicht beugt, wird ihm zunächst das Augenlicht und schließlich auch das Gehör genommen. Und dennoch: In seinem Inneren spürt der Mann, dass es Hoffnung gibt. Eines Tages stirbt schließlich der König, und das Volk ist frei. Auch der Mann, taub und blind, wird befreit und kann nun, obwohl ihm im Laufe der Jahre so viel genommen wurde, durch den Flügelschlag der freigelassenen Vögel Erlösung und Freiheit spüren.
Diese Geschichte empfand ich trotz eines Textes, der sich auf das Wesentliche beschränkt und ohne Schnörkel auskommt, gleichermaßen als hoffnungsvoll wie traurig. Vor allem die ausdrucksstarken Bilder, die sich meist über eine ganze oder sogar zwei Seiten erstrecken, transportieren starke Emotionen und erzählen oft mehr, als der Text verrät. Die Illustrationen werden in einer reduzierten Farbpalette dargeboten (Weiß, Schwarz, Grau, Beige, Rot, wenig Orange) und sprechen eine eindeutige Formensprache: von strengen, geraden Linien und spitzen Ecken bis hin zu weichen, sanften Bögen. Dabei treten immer wieder starke Kontraste auf.
Die gelungene Kombination aus Text und Bild vermittelt eindrucksvoll die Botschaft der Geschichte, die aktueller denn je ist. Themen wie autoritäre Herrschaft, die Bedeutung von Mit- und Selbstbestimmung, Menschenrechte sowie das Einstehen für die eigene Meinung werden anhand dieses Buches angestoßen. Aber auch Inhalte wie Hoffnung, Freiheit, die Kraft der Musik und die Freude an der Natur sowie der Wert der kleinen, unscheinbaren Dinge finden sich wieder und können mit Kindern ab etwa zwölf Jahren erörtert werden.
Für das Lesen mit jüngeren Kindern empfinde ich das Buch als nur bedingt geeignet, da die Folter des Mannes drastisch dargestellt wird und die Geschichte insgesamt sehr dramatisch ist. Außerdem wird der Inhalt vor allem im übertragenen Sinne von jüngeren Kindern vermutlich noch nicht vollständig erfasst. Merveille hat in Zusammenarbeit mit Docampo ein poetisches, anrührendes und künstlerisch einprägsames Buch mit nachhaltigem Inhalt geschaffen, das sich sowohl im häuslichen als auch im pädagogischen Bereich sehr gut einsetzen lässt.
Für
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